Unlikely Pilgrimage of Harold Fry - Rachel Joyce Harold Fry, frisch pensioniert ist ein Mann der nie etwas getan hat um über seinen eigenen Schatten zu steigen. Er führt eine Ehe in der die Sprachlosigkeit dominiert, er führt ein Leben in dem er nichts tut was außerhalb der Norm liegt. Er hat keine Freunde, oder?
Dann erreicht ihn ein Brief. Er ist von einer alten Arbeitskollegin, die an Krebs erkrankt ist und nun mit diesen Zeilen Abschied nimmt.

Harold schreibt eine Antwort und will sie zum Briefkasten bringen, doch dann geht er am Briefkasten vorbei und läuft los. Die Idee ist einfach und stammt aus dem Mund einer Tankstellenkassierin: „Du musst daran glauben einen Unterschied zu machen.“
In Harolds Kopf, ziellos und mutlos, wird dieser schlichte Satz zu einem Mantra und er geht los, einmal quer über die Britische Insel um seiner alte Freundin Queenie ein Ziel zu geben. Er wird sie besuchen, aber sie muss warten, bis er dort angekommen ist und er nimmt den langen Weg, schritt für schritt und mit Slippern an den Füßen...

In kurzen Kapiteln und in einfacher Sprache gehalten nimmt uns Rachel Joyce mit auf diese ungewöhnliche Reise, gespickt mit allerlei Ereignissen und vielen Menschen, die Harold am Wegesrand trifft oder die ihn ein Stück begleiten. Es ist eine Reise voller kleiner Wunder, viel Humor und tragischen Ereignissen, in der der Leser immer tiefer in den Kopf Harolds gerät und sieht, wie der schüchterne und abgestumpfte Mann versucht über sich hinaus zu wachsen... und dazu gehört vor allem eines, die Vergangenheit zu betrachten und mit ihr ins Reine zu kommen.
Die Geschichte nimmt viele Fäden auf und lässt sie laufen, porträtiert Gestalten, die unglücklich und zufrieden sind, nimmt die Presse aufs Korn und entfaltet das Leben von Harold seiner Frau Maureen und Queenie. Es ist eine Pilgerreise ohne Gott, eine Reise in das Innere von Menschen die ein ganzes Leben hinter sich haben, mit all dem was in einem Leben so passieren kann. Voller Fehler und Unglück, mit einem Mann der die Leben dieser Menschen und sein eigenes betrachtet und zu lesen versucht.

Man kann dieses Buch sicherlich in die Schublade der „Selbsthilfe und Erbauungsromane“ stecken und eigentlich bin ich kein Freund dieser Art von Literatur. Mitch Albom kann mir gestohlen bleiben, wenn ihr wisst was ich meine. Aber diese Geschichte hier und die Art in der sie erzählt wird hat es mir angetan. Was amüsant beginnt und mit viel Humor erzählt wird, ist an manchen Stellen so abgrundtief traurig, das ich beim Lesen lachen und weinen musste. Das Buch wimmelt von interessanten Charakteren, Momentaufnahmen von Personen voll mit ihren eigenen Geschichten und doch, Harold bleibt nicht da stehen. Er beschäftigt sich damit was von diesen Menschen bleibt, wenn sie unser Leben verlassen haben, von dem was man mitnimmt. Ich fand die Geschichte ansprechend und gut gemacht und während sich Harolds Dasein wieder mit Leben füllt ist das noch keine Garantie für Glück... das dies alles zu einem tragisch-schönen Ende führen muss ist dann schon fast Voraussetzung auch wenn es nicht das Ende ist das man klassischer Weise erwarten würde.
Dies ist eine Pilgerreise nach meinem Geschmack ohne Verklärtheit und ohne Schnörkel.

Fazit:
Ein Lesevergnügen für zwischendurch oder wenn man mal ein klein wenig Mut braucht.